Geschichten aus dem Wienerwald

Ein Bilderbogen von Ödön von Horváth

                           Produktion     Die Bühne Lyssach

                                   Regie      Simon Burkhalter

Berndeutsche Übersetzung

           und Neubearbeitung      Simon Burkhalter

                                   Musik     Udo Auch 

 

«Wi dr Blitz hesch bi mer ygschlage»

Liebe Theaterbegeisterte

Wie kommt man dazu, ein Stück wie Ödön von Horváths «Geschichten aus dem Wienerwald» zu spielen? Ganz einfach: wie immer seit Beginn unserer Vereinsgeschichte vor über dreissig Jahren war uns auch dieses Mal bei der Wahl sehr wichtig, dass wir wieder in einer ganz anderen Richtung als bei den vorhergehenden Produktionen gehen würden.

Die Mitglieder der Lesegruppe haben zusammen mit unserem neuen Regisseur Simon Burkhalter etliche Stücke gelesen und durchdiskutiert – und der Entscheid war eindeutig. Ödön von Horváth mit all seinen Figuren, die vordergründig so klischeehaft nett erscheinen und doch die menschlichen Abgründe nicht verbergen können. Ödön von Horvath mit seinen Geschichten aus dem Wienerwald, die in der Zwischenkriegszeit handeln und irgendwie doch so zeitlos sind, dass auch wir uns heute darin finden können...

Weil die «Geschichten aus dem Wienerwald» auch von der Musik – instrumental wie gesanglich – leben, haben wir mit dem Akkordeonisten Udo Auch und der Stimmbildnerin und Chorleiterin Dora Luginbühl zwei hochkarätige Musiker engagiert. Sie können sich freuen!

Aber auch neben und hinter den Kulissen sind wieder zahlreiche freiwillige Helfer und Helferinnen besorgt, eine erfolgreiche Produktion auf die Beine beziehungsweise Bühne zu stellen.

Daher freuen wir uns auf Ihren Besuch und sind überzeugt, Ihnen ein unvergessliches Theatererlebnis zu bieten. Lassen Sie sich überraschen und begeistern!

Herzlichen Dank                                                                                                                                                                           Florian Käsermann Präsident der «Bühne» Lyssach


Ödön von Horváth

Edmund (ungarisch «Ödön») Josef von Horváth wurde am 9. Dezember 1901 als erster Sohn des österreichisch-ungarischen Diplomaten Ödön Josef von Horváth (1874–1950) in Fiume (damals Königreich Ungarn) geboren. Der Vater gehörte dem ungarischen Kleinadel an, die Mutter kam aus einer ungarisch-deutschen k.u.k. Militärarztfamilie.

1908 zog die Familie nach Budapest, wo der deutschsprachige Ödön von einem Hauslehrer zum ersten Mal in ungarischer Sprache unterrichtet wurde. Nach etlichen Wohnort- und Schulwechseln, die durch den Beruf des Vaters bedingt waren, kam Ödön 1919 in die Obhut seines Onkels Josef Prehnal, der in Wien lebte. Dort legte er im Sommer 1919 an einem Privatgymnasium die Matura ab und schrieb sich noch im selben Jahr an der Universität München ein, wo er bis zum Wintersemester 1921/22 psychologische, literatur-, theater- und kunstwissenschaftliche Seminare besuchte.

Horváth begann 1920 zu schreiben; der erste literarische Text «Das Buch der Tänze» wurde 1922 konzertant in München und 1926 szenisch in Osnabrück aufgeführt. Ab 1923 lebte Horváth vor allem in Berlin, Salzburg und bei seinen Eltern im oberbayerischen Murnau am Staffelsee. Er widmete sich immer intensiver der Schriftstellerei, vernichtete jedoch viele Texte aus dieser Zeit.

Horváth band sich an keine Partei, sympathisierte aber stets mit der Linken; er sagte zum Beispiel als Zeuge in einem NS-Prozess aus und warnte in seinen Stücken zunehmend vor den Gefahren des Faschismus. 1929 trat er aus der katholischen Kirche aus.

Horváths Ruhm als Dichter erlebte im Herbst 1931 den ersten Höhepunkt, als er auf Anregung Carl Zuckmayers gemeinsam mit Erik Reger mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde und am 2. November 1931 sein Bühnenstück «Geschichten aus dem Wiener Wald», heute sein erfolgreichstes, uraufgeführt wurde.

Als die SA nach Adolf Hitlers «Machtergreifung» 1933 die Villa seiner Eltern in Murnau durchsuchte, verließ Horváth Deutschland und lebte die folgenden Jahre in Wien und in Henndorf am Wallersee bei Salzburg als eines der wichtigsten Mitglieder des Henndorfer Kreises um Carl Zuckmayer. 1933 heiratete er die jüdische Sängerin Maria Elsner. Die Ehe wurde ein Jahr darauf geschieden. Um zu überleben, kehrte er 1934 wieder nach Deutschland zurück, versuchte trotz seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus, dem Reichsverband Deutscher Schriftsteller beizutreten, und wurde Mitglied der Union nationaler Schriftsteller. Trotzdem er im Juli 1936 aus Deutschland verwiesen und im Februar 1937 aus der Mitgliederliste der Reichsschrifttumskammer gestrichen.

Weil seine Stücke in Deutschland nicht mehr aufgeführt wurden, verschlechterte sich Horváths finanzielle Situation zusehends. Erst 1937, als sein Roman «Jugend ohne Gott» in Amsterdam erschien, konnte er wieder einen größeren Erfolg verzeichnen; der Roman wurde in mehrere Sprachen übersetzt, aber bereits 1938 in die «Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums» aufgenommen und im Reichsgebiet eingezogen.

Nach dem «Anschluss» Österreichs im März 1938 fuhr Horváth nach Budapest und Fiume, bereiste einige andere Städte und kam Ende Mai nach Paris. Am 1. Juni traf er im Café Marignan den Regisseur Robert Siodmak, um mit ihm über die Verfilmung des Romans «Jugend ohne Gott» zu sprechen. Doch noch am selben Abend wurde Horváth während eines Gewitters auf den Champs-Élysées (gegenüber dem Théâtre Marigny) von einem herabstürzenden Ast erschlagen.

Horváths Nachlass wird seit 1990/1994 im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrt.

Quelle: Wikipedia

zum Stück

Die junge Marianne soll auf Drängen ihres Vaters, des skurrilen Zauberkönigs, den Fleischer Oskar heiraten. Sie ist abgestossen von diesem ungehobelten und im Geiste einfachen Mann, aber sie wird bei ihm ein sicheres Auskommen haben.

 

Auf der anderen Seite ist da Alfred, ein gut aussehender Lebemann, der auf Rennplätzen spekuliert. Dieser lässt sich gerne auf ein Techtelmechtel mit der jungen Frau ein, um wirtschaftlich davon zu profitieren. Marianne, die vom grossen Glück träumt, lässt die Verlobung mit Oskar platzen und zieht zu Alfred. Ob das wohl gut kommt?

Zur Lyssacher Fassung

«Geschichten aus dem Wienerwald» klingt wie eine Kindergeschichte, ein hübsches Märchen. Vom Aufbau her weist das Stück durchaus märchenhafte Elemente auf. Ein schöner Jüngling, ein einsames Fräulein, beide verlieben sich auf den ersten Blick. Was märchenhaft beginnt, entwickelt sich aber zum Anti-Märchen.

Das Stück beginnt harmlos, es passiert nicht viel an Aktion, das meiste geschieht über die Sprache. Bei der Übersetzung und Überarbeitung des Stücks legte ich den Fokus auf die Geschichte von Marianne. Das Stück begleitet die Reise der kleinen Marianne, die im Verlaufe des Stücks an Ehre und Ansehen verliert, aber gleichzeitig an Stärke gewinnt.

Die Sprache bei Horváth ist faszinierend. Streng genommen kommt es fast nie zu einem Dialog im klassischen Sinne. Die Figuren sprechen zwar die gleiche Sprache, aber reden aneinander vorbei und verstehen sich nur selten. Zudem werden oftmals keine ganzen Sätze, sondern nur Elipsen geäussert. – Die Sprache ist roh; diese Rohheit und gleichzeitige Klarheit in der Sprache habe ich versucht ins Berndeutsche einfliessen zu lassen.

Genau wie bei den Schauplätzen ist Horváth auch bei den Figuren sehr verschwenderisch. Viele Figuren treten in einer Szene auf und kommen nie wieder. In unserer Lyssacher Fassung habe ich versucht, den Figuren mehr Konturen zu geben, indem sie mehrmals auftreten – und so das Bühnenpersonal reduziert.

Simon Burkhalter

Zur Inszenierung

Die Figuren bei Horváth sind weder schwarz noch weiss, nicht gut und nicht böse, sondern meist gefangen. Gefangen in ihrem Umfeld, gefangen in ihrem Millieu; an ein Ausbrechen ist nicht zu denken, denn solange die Figuren in dieser Gefangenschaft leben, geht alles seinen gewohnten Gang. Die Tochter des Zauberkönigs will ausbrechen. Sie versucht, dem herrschenden Patriarchat zu entfliehen, einen Blick über den Tellerrand zu werfen, und landet im Elend.

Die Umsetzung des Stücks stellt hohe Ansprüche. Horváth geht mit Schauplätzen sehr verschwenderisch um. Zu Beginn musste eine Bühnenform gefunden werden, welche es erlaubt, die Spielorte innert Kürze zu wechseln und gleichzeitig prägnant darzustellen. Als Endprodukt entstand diese ganz in weiss getauchte Simultanbühne mit zwei Stockwerken und vielen Öffnungen. Die farblose Kulisse versinnbildlicht im Zusammenspiel mit den farblosen Kostümen den eintönigen Alltag der horváthschen Welt.

Eines der wichtigen Themen in diesem Stück – neben dem bigotten Ausleben von Konventionen – ist die Triebhaftigkeit der einzelnen Charaktere. Die Figuren sind allesamt durch ihre Begierden verblendet. Die Suche nach Nähe und Zärtlichkeit ist ein zentrales Thema in diesem Stück. Die ausgehungerten Figuren gehen alle anders mit ihrem Wunsch nach Liebe um.

Ein weiteres wichtiges Element in dieser Inszenierung ist die Musik. Bereits im Original von Horváth wird viel musiziert und gesungen. Die liebliche Musik von Strauss und Co. soll auch in Lyssach erklingen, jedoch teils mit falschen Tönen, denn so schön und rein wie in der guten alten Zeit ist es im Wien der 30er-Jahre schon lange nicht mehr.

Simon Burkhalter


Mitwirkende


                                                 Alfred       Thomas Käser
                         Frida, Alfreds Mutter       Heidi Wermuth
                                      Grossmutter       Claire Eberhart
                                       Zauberkönig      Hanspeter Riesen
                    Marianne, seine Tochter      Johanna Zaugg
   Erich, sein Neffe aus Deutschland       Florian Käsermann
                                       Tante Emmi       Yvonne Bertschi      
                     Jean-Jacques, ihr Sohn      Julien Zürcher
                                        Tante Paula      Sabine Bärtschi
                           Oskar, Fleischhauer      Stephan Hottenberg
              Havlitschek, Metzgergehilfe      Hanspeter Meier                           
                   Valerie, Kioskverkäuferin      Andrea Flückiger
                                  Hauptmann a.D.      Tony Salzmann
 Ferdinand Hierlinger, Alfreds Freund       Theo Balmer
            Emma, ein Mädchen für alles      Vreni Eggimann                            
                                         Beichtvater     Hans-Peter Steiner                           
                                  Sophie, Baronin      Anna Röthlisberger      
                      Helene, ihre Schwester      Sabine Bärtschi      
       Johann, Diener und Conférencier      René Strauss       
               Ein Mädchen beim Heurigen     Anja Flückiger

                                          Ein Wiener      Hubert Marbacher                            
           Realschüler, ein Akkordeonist      Udo Auch

   

                                                  Regie      Simon Burkhalter
     Neubearbeitung und Übersetzung      Simon Burkhalter
                             Proben-Souffleuse      Beatrice Richter
                                                  Musik      Udo Auch
                                          Bühnenbild     Simon Burkhalter
                         Beleuchtungskonzept     Niklaus Hubler, Materialpool
                                               Technik      Jürg Bärtschi
                                                                 Thomas Pulfer
                                                                 Jonas Hartmann
                                             Kostüme      Eveline Rinaldi
                      Verantwortliche Maske      Nadja Rosa
                                       Team Maske      Anja Flückiger
                                                                  Andrea Marbacher
                                                                  Yasmine Zürcher
                                          Illustration      Ruth Lehmann
                                                  Fotos      Michael Meier
                                           Programm      Andrea Flückiger
                                                                  René Strauss
                                              Finanzen     Florian Käsermann
                                           Pausenbar      Brigitte Müller
                                                                  René Bietenholz
                                           Saaldienst     Jürg Bärtschi
                                           Parkdienst     Feuerwehr Lyssach

 


Simon Burkhalter, Regie

Simon Burkhalter wuchs im Emmental auf und lebt jetzt in Bern.

Seine Theaterlaufbahn begann er als Kinderdarsteller in diversen Freilichttheatern. Danach folgten über zwanzig grosse und kleine Rollen in unterschiedlichsten Theaterproduktionen, tragende Rollen spielte er als Franz in «Die Räuber»; Z in «Jugend ohne Gott», oder in der Uraufführung «Madame de». In seinen Produktionen spielte er unter und mit Marlise Fischer, Lilian Naef, Rolf Schoch, Peter Leu, Margret Otti, Silvia Jost und Reto Lang.

Musikalischen Unterricht geniesst er bei Andreas Hügli (Klavier), Rebekka Maeder (Gesang), Wolf Latzel (Gesang) und Jan-Martin Mächler (Gesang). Die Sprecherziehung erhielt er von der Schauspielerin und Tagesschausprecherin Gabriela Leutwyler. An der Theaterschule Grenchen, der Stage Art Theatre School Zürich und bei der Bernischen Gesellschaft für das Volkstheater (BGVT) belegte Burkhalter diverse Kurse. Grundlagen in Ballett, Modern-Dance und Jazz-Dance erlangte er bei Vero Barbieri und Barbara Rodriguez.

Zu seinen letzten Inszenierungen gehören die Operette «Gräfin Mariza» im Theater National in Bern, die Uraufführung «Rosa-verdingt» in der Kupferschmiede Langnau mit über 70 Darstellern, «Zweifel», «Der Talisman» u.a. mit Silvia Jost in der Kulturfabrik Bigla oder «Polenliebchen». Simon Burkhalter ist aktuell Regisseur diverser Bühnen im Kanton Bern. Burkhalter wurde ausserdem als neuer Regisseur der Volksoper Zürich und der BernerSommerOperette eingesetzt.

Seit Februar 2014 leitet Simon Burkhalter am Gymnasium Kirchenfeld die Theatertruppe. Für Schulen und Amateurbühnen schreibt Burkhalter Dramatisierungen, aktuell u.a. für das NVB-Theater und die Sekundarschule Signau.

Burkhalter ist Preisträger des Förderpreises der Burgergemeinde Bern.

Udo Auch, Konzertakkordeon

Ich wurde 1963 in Süddeutschland geboren. Seit meinem 7. Lebensjahr ist das Akkordeon zunehmend zu meiner Leidenschaft und meinem Schicksalsbegleiter geworden.

An der Folkwang-Hochschule Essen studierte ich bei Prof. Mie Miki Instrumentalpädagogik und Künstlerische Ausbildung.

Auch besuchte ich verschiedene Meisterkurse und erhielt ein Semesterstipendium an der Hochschule für Musik «Franz Liszt» in Weimar bei Prof. Ivan Koval.

Ich wirkte an Opern- und Theaterproduktionen mit und konzertierte solistisch sowie in verschiedenen Formationen.

Musikpädagogisch war ich an Musikschulen, Hochschulen und in freien Projekten tätig.

Unter Einbezug künstlerisch-musikalischer Elemente übte ich viele Jahre lang eine sozialtherapeutische Tätigkeit aus.

Meine gegenwärtigen musikalischen Aktivitäten bestehen, neben dem Unterrichten an diversen Musikschulen sowie privat, im solistischen als auch kammermusikalischen Musizieren innerhalb verschiedener Veranstaltungen und Projekte.

 

Dora Luginbühl Sopranistin, Stimmbildnerin, Sprachtrainerin

Erwerb des Primarlehrerinnenpatentes und erster Gesangsunterricht bei Marianne Graber in Thun. Gesangsstudium bei Aldo Reggioli in Florenz und Erwerb des staatlichen italienischen Diploms für Sologesang.

Weiterbildung bei Ernst Hametner und Dennis Hall in Bern.

Interpretationskurse für Alte italienische Musik bei Nella Anfuso in Paris, Nizza und Artimino (Italien). Besuch des freien Opernstudios unter der Leitung von Carlos Harmuch und Nicolau de Figuerido.

Intensive Konzerttätigkeit in der Schweiz und im Ausland: Frankreich (Paris, Vézelay, Colmar usw.), Italien (Florenz, Neapel usw.), Polen (Olsztyn), Deutschland (Frankfurt, Hamburg usw.) und Österreich (Wien).

Aufnahmen bei Radio DRS und diversen Lokalradios.

Grosses Repertoire: je weit über hundert Orchesterwerke, geistliche und weltliche Werke für Solo-Sopran und Orgel, Cembalo oder obligate Instrumente, Lieder und A-cappella-Werke für mehrere Solostimmen.

Tonträger: «Cantae domino» (Duo Rinascimento): Italienische Musik des 17. Jahrhunderts für Sopran und Orgel. «Ds Vreneli ab em Guggisbärg» (Arion Trio Bern): Lieder aus der Sammlung «Im Röseligarte» für Gesang, Blockflöten, Traversflöte, Hackbrett.

 

Wien in der Zwischenkriegszeit

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Donaumonarchie wurde in Österreich die Republik ausgerufen. Die Sozialdemokratische Partei, die bei den ersten allgemeinen Gemeinderatswahlen 1919 in Wien die Mehrheit errungen hatte, stand in der Hauptstadt des um ein Vielfaches geschrumpften Staates vor einer schwierigen Aufgabe.

Einerseits kehrten Beamte, die in nun zum Ausland gehörenden Gebieten wohnten, zurück. Dazu kamen Flüchtlinge und ehemalige Soldaten der k.u.k. Armee mindestens vorübergehend nach Wien. In den überfüllten Mietwohnungen und Notunterkünften mit spärlichen sanitären Einrichtungen grassierten Krankheiten wie Tuberkulose, spanische Grippe und Syphilis.

Andererseits machten die neuen Staats- und Zollgrenzen zur Tschechoslowakei und Ungarn, von wo aus Wien bis anhin versorgt worden war, Lebensmittellieferungen in die Hauptstadt schwierig – eine Hauptstadt, die im Verhältnis zum neuen Schrumpfstaat viel zu gross war.

Dazu kamen eine hohe Zahl von Arbeitslosen und eine gewaltige Inflation, die den ausbezahlten Lohn oft schon innerhalb von Stunden an Wert verlieren liessen.

Das «Rote Wien», dessen Stadtregierung international Anerkennung fand, weil sie unter anderem ein dichtes Netz an Sozialeinrichtungen und mit «Gemeindebauten» Wohnraum im grossen Stil schuf, stand immer wieder im Gegensatz zur mehrheitlich christlich-sozialen Landbevölkerung – und der konservativen Regierung der Ersten Republik. Wien wurde denn auch zum Ort, wo die verschiedenen Ansichten über Politik und Wirtschaft aufeinanderstiessen. Im Parlament, in den Medien, in den politischen Organisationen und auf Wiens Strassen wurden die politischen Entscheidungen der konservativen Regierung angegriffen,aber auch verteidigt – eine Auseinandersetzung, die von allen Seiten her immer radikaler wurde und 1938 im Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland gipfelte.

Im krassen Gegensatz dazu steht der urbane Alltag der 1920er-Jahre, der einen tiefgreifenden Modernisierungsschub brachte. Der Verkehr nahm zu, Leuchtreklamen, Film-Paläste und eine amerikanisch geprägte Populärkultur vermittelten ein neues großstädtisches Lebensgefühl, die zusammen mit einem Schuss Freiheit, Frivolität, Mode und Styling sowie einem neuen Rollenbild vor allem der Frau einhergingen.

Quelle: Wikipedia

Die Figuren in Horváths Stücken

«Er übernahm die aus Filmen, Operetten und Dramen bekannten pensionierten Rittmeister, die süßen Mädel, die nichtsnutzigen Hallodri, die familiensüchtigen Kleinbürger; er übernahm den Plüsch, aber er klopfte ihn aus, dass die Motten aufflogen und die zerfressenen Stellen sichtbar wurden.

Er zeigte die Vorder- und die Kehrseite der überkommenen Wiener Welt. Er ließ diese Leute ihre Lieder singen, ihren plauschenden Dialekt sprechen, ihre Heurigenlokale trunken durchwandern und zeigte darüber hinaus die Faulheit, die Bosheit, die verlogene Frömmigkeit, die Giftigkeit und die Beschränktheit, die hinter und in jenen marktgängigen Eigenschaften stecken.

Er zerstörte nicht nur das überkommene Wiener Figuren-Panoptikum, er gestaltete ein neues, echteres außerdem.»

Erich Kästner über Ödön von Horváth, Neue Leipziger Zeitung, November 1931

 

Vom Bestreben, die Welt zu schildern, wie sie ist

«Und um einen heutigen Menschen realistisch schildern zu können, muß ich ihn also dementsprechend reden lassen. [...]

Mit vollem Bewußtsein zerstörte ich das alte Volksstück, formal und ethisch – und versuchte als dramatischer Chronist die neue Form des Volksstückes zu finden. [...]

Man wirft mir vor, ich sei zu derb, zu ekelhaft, zu unheimlich, zu zynisch und was es dergleichen noch an soliden, gediegenen Eigenschaften gibt – und man übersieht dabei, daß ich doch kein anderes Bestreben habe, als die Welt so zu schildern, wie sie halt leider ist. – Und daß das gute Prinzip auf der Welt den Ton angibt, wird man wohl kaum beweisen können – behaupten schon.

Der Widerwille eines Teiles des Publikums beruht wohl darauf, daß dieser Teil sich in den Personen auf der Bühne selbst erkennt – und es gibt natürlich Menschen, die über sich selbst nicht lachen können. – und besonders nicht über mehr oder minder bewußtes, höchst privates Triebleben.»

 

Dank

Theater kann nur erfolgreich sein, wenn viele Menschen ihre ganz besonderen Fähigkeiten für ein gemeinsames Ziel einsetzen. Deshalb danken wir an dieser Stelle allen, die uns bei dieser Produktion auf irgendeine Weise unterstützt haben, besonders 

  • Simon Burkhalter für seine begeisternde und feinfühlige Art, Regie zu führen, seine manchmal unglaubliche Geduld und ein
     Gespür, all die verborgenen Talente zum Vorschein zu bringen
  •  Udo Auch für seine absolut geniale Begleitung und Untermalung der «Geschichten aus dem Wienerwald»
  •  Dora Luginbühl, die uns mit Engelsgeduld nähergebracht hat, wie wir technisch richtig singen sollten und worauf wir
     beim Singen der Lieder achten müssen
  •  Niklaus Hubler, Materialpool Bern, Kirchbergstrasse 19, Burgdorf, der uns wie immer ins beste Licht rückt
  •  Peter Schläfli, Geschäftsleitung Casino Theater Burgdorf AG, für die Ausleihe der meisten Wiener Stühle
  •  allen Inserenten im Programmheft
  •  allen Spendern
  •  allen Mitwirkenden vor und hinter der Bühne

Ein grosses Merci gebührt den Angehörigen aller Mitwirkenden vor und hinter der Bühne. Mit ihrem Verständnis für die häufige Abwesenheit der Beteiligten während Probe- und Aufführungszeit tragen sie viel zum guten Resultat dieser Produktion bei. 

Der Vorstand

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